Staunen

21.11.23

Das sind die letzten Äpfel von unserem kleinen „Wunder-Apfelbaum“, die ich sorgfältig in Scheiben schneide und in den warmen Pudding auf den Kuchenteig lege. 

 

In Gedanken gehe ich auf Zeitreise:

Ich finde mich in meiner Kindheit wieder, in einem Garten voller Früchte, die auf dem Boden liegen und eingesammelt werden müssen. Mal sammle ich sie mit Begeisterung und Staunen ein, und beiße hier und da in eine saftige Frucht, und ein anderes Mal nur widerwillig. 
Alles Obst muss sorgfältig verarbeitet werden, denn in der kalten Jahreszeit gibt es keinen Supermarkt, wo man dergleichen kaufen kann. 

Die Äpfel, Birnen und Pflaumen werden von Oma und Mama zu Trockenobst, Marmelade, Kompott, Saft, Kuchen und vielen anderen Leckereien verarbeitet. 

Und dann gibt es da noch die besonderen Äpfel, die noch am Baum hängen. Sie werden sorgfältig gepflückt und ganz behutsam behandelt, sie sollen makellos sein und dürfen keinen Stoß abbekommen. Sie werden nicht verarbeitet, sondern gepflückt und einzeln mit Stroh und Papier in Kisten gepackt. Sie werden in den dunklen Keller gebracht und dort gelagert. 
Sie werden aufgehoben für eine besondere Zeit - die Advents- und Weihnachtszeit. 

Was für eine Freude, einen frischen kalten Apfel in der Hand zu halten, und wie lecker, in den saftigen Apfel hineinzubeißen. 

 

Ich komme in meinen Gedanken in die Gegenwart zurück.

 

Wie lange ist das her? 

Was hat sich in der Zwischenzeit alles geändert? 

Was ist für mich normal und selbstverständlich geworden?

Worüber kann ich mich heute freuen und staunen?

 

Staunen = mit großer Verwunderung wahrnehmen
So wird es online definiert. Wahrnehmen, nicht für selbstverständlich halten, in den kleinen Dingen die großen Wunder erkennen, mich erinnern, dankbar sein.

Diese Gedanken haben mich schon im Laufe des letzten Jahres beschäftigt. 

 

Aufblühen war der Gedanke des Frühlings.
Früchte tragen war die Lektion des Sommers.
Die Früchte genießen ist mein Gedanke des Herbstes. 

Der kleine Apfelbaum im eigenen Garten und der kleine Birnbaum direkt gegenüber im Nachbargarten haben mich das Staunen nochmal neu gelehrt. 

Oft habe ich mich im Garten in die Sonne gesetzt, und habe Bücher über das Aufblühen, das Wachstum, die Verwurzlung und die Verwandlung von der zarten Blüte zur Frucht gelesen, beobachtet und gestaunt. 

Diese zwei kleinen Bäumchen haben es mir angetan. Die Äste der kleinen Bäumchen hingen so schwer nach unten von der Last der Früchte, sie mussten von allen Seiten gestützt werden, damit sie nicht brechen. Oft habe ich bei heftigem Wind und Regen am Fenster gestanden, und beobachtet wie sie durchgeschüttelt wurden, und ich muss ehrlich zugeben, ich habe ein leises Gebet gesprochen. 

Sie haben durchgehalten.

Die Kombination aus Sonne und Wärme, Regen und Sturm, haben zu einer tiefen Verwurzelung und zum Wachstum von saftigen Früchten geführt.

 

Gefühlt grade noch habe ich über die Blüten gestaunt, und jetzt ist auch schon der letzte Apfel im Kuchen verschwunden. 

 Grade war ich noch das kleine Mädchen im Garten. 

Heute bin ich eine erwachsene Frau, Mama und Schwiegermama.

In einem wundervollen Garten des Lebens.

 

Ich darf mich an der Wärme und Sonne freuen und an der Verwurzelung, die ich in Gott finde, festhalten, auch wenn mein Lebensbäumchen immer wieder mal von Regen und Sturm durchgeschüttelt wird, dürfen dennoch Früchte wachsen. 

 

„Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht, denn ohne mich könnt ihr nichts tun“ (Die Bibel, Johannes 15,5)

 

Was für eine schöne Zusage und gleichzeitig eine Erleichterung.

Ich kann und muss nicht aus eigener Kraft Früchte hervorbringen.

Aber ich darf sie im Alltag wahrnehmen, mich daran freuen, genießen und staunen, weil Gott sie in meinem Leben wachsen lässt.

Ich möchte sie mit Menschen in meiner Umgebung teilen.

Ganz anders als bei einem Apfel- oder Birnbaum ist es bei uns Menschen. An uns kann nicht nur eine Sorte Obst wachsen, eine Vielfalt an Früchten kann heranreifen, ein ganzer Obstsalat.

Ich darf mir sogar Obstsorten wünschen und um sie bitten. 

Vertrauen ist unter anderem eine Frucht, die immer noch in mir nachreifen darf.

Wie ist das bei dir? 

 

Es duftet mittlerweile herrlich im ganzen Haus. Der Apfelkuchen ist fertig. 

Ich freue mich über die wundervolle gemeinsame Zeit mit der Familie am Kaffeetisch.

Ich bin gesegnet!
Maria