Kaffeedate mit Mama

Der Tisch ist liebevoll gedeckt: ein Blümchen, eine Kerze, ein leckerer Kuchen. Der Kaffee mit einer Haube von Milchschaum duftet. 

Ein Kaffeedate mit meiner Mama.

 

Ich erzähle ihr von meinen Prüfungen, meiner großen Liebe, vom Heiratsantrag und von den Hochzeitsplänen.

Davon, dass ich bald auch Mama werde, vom Bau des eigenen Hauses und den Herausforderungen, mit denen ich konfrontiert bin. 

Von den Gefühlen der Angst, der Einsamkeit, der Traurigkeit aber auch von Momenten der Freude und purem Glück.

Ich erzähle ihr von meiner Arbeit, den Erfolgen und meinem Versagen. Von Menschen in meinem Leben, die mich enttäuschen und Menschen, die mir Mut machen. 

 

Ich träume davon, wie ich sie einlade, ihr alles zeige, für sie koche oder backe. Ich träume von einem Ausflug mit ihr und davon, wie ich mein Baby in ihren Arm lege.

Und sehe ihr Lächeln, spüre ihre Umarmung, höre ihre ermutigenden Worte. Ich spüre ihre Hand an meiner Wange, wenn sie eine Träne abwischt. Ich höre sie, wie sie betet und von Herzen lacht. Ich stelle mir vor, sie zu besuchen und sehe mein Lieblingsessen auf dem Tisch stehen. 
Und ich träume davon, mit ihr einen Kaffee zu trinken, in dem Café, in das wir eigentlich noch gehen wollten.

 

So oder so ähnlich sehen meine Träume aus.

Und immer, wenn ich daraus erwache, ist der Platz leer. 

Viele Worte sind unausgesprochen, viele Umarmungen sind ausgeblieben. Wie ein Nebel, der immer dichter wird nach jedem Traum, werden Erinnerungen an ihre Stimme, ihr Lächeln, ihre Gesichtszüge blasser, ihre Worte leiser.

Was bleibt ist das Gefühl einer dichten, dunklen Wolke zwischen mir und dem Traum. Es sind Wolken beladen mit Unverständnis, Warum-Fragen, Neid, Eifersucht und Traurigkeit. Eine Leere, eine Sehnsucht, die Realität eines unwiderruflichen Zustandes.

 

Es ist Muttertag.

Ich sitze an einem liebevoll gedeckten Tisch, der Kaffee duftet.

Wieder habe ich das Gefühl, im Traum zu versinken.

 

Doch ein Satz holt mich ins Hier und Jetzt: „Mama weinst du?“

Schnell blinzle ich die Träne aus meinem Augenwinkel. Oft habe ich meinen Kindern erklärt, warum ich ab und zu an Muttertag weine, doch Gott sei Dank verstehen sie den Schmerz nicht wirklich. 

 

„Ich weine vor Freude“ antworte ich, „weil ich euch alle lieb habe“.

Vier Augenpaare strahlen mich an.

Ich darf Mama sein. 
Meine Kinder haben diesen Tisch liebevoll gedeckt. Sie sind heute Morgen früh aufgestanden, haben sich gegenseitig angespornt leise zu sein, „damit die Mama nicht wach wird.“

Eines der Kinder lugte immer wieder durch den Türspalt und rief dann mit einem lauten Flüstern: „Sie schläft noch.“

Ich hörte, wie sie über Servietten und andere wichtige Dinge debattieren, und bin erleichtert, dass sie in diesem Jahr das Frühstück nicht ans Bett bringen wollen. 😄

Vor mir liegen selbst gebastelte und gemalte Bilder mit viel Glitzer und Herzen verziert, auf denen in falscher Rechtschreibung steht:

Mama ich libe dich oder Ich mak dich. Auf dem Tisch steht ein kleines Pflänzchen, das völlig eingetrocknet den Kopf hängen lässt. Es wurde im hinteren Teil des Kleiderschranks aufbewahrt, damit es für mich eine Überraschung bleibt.


„Freust du dich Mama? Es ist alles für dich!“

 Und wie ich mich freue! Ich bin so reich beschenkt. Ich fühle Umarmungen. Händchen die über meine Wangen streicheln. Ich höre Sätze voller Liebe und Dankbarkeit.

 

Die dunklen Wolken, die sich grade noch über mir zusammenzogen, werden von hellen Sonnenstrahlen abgelöst. Im Licht dieser Sonnenstrahlen sehe ich meine wundervolle Familie. Meinen liebevollen Mann und unsere Kinder. Ich sehe vor meinem inneren Auge weitere Gesichter und Namen, die mir im Alltag begegnen. Sozusagen Ersatzmamas. Menschen in meinem Umfeld, die mir mein Vater im Himmel in mein Leben gestellt hat, die mir zuhören, mich umarmen, mich trösten. Die mich beschenken, wertschätzen, die mich verstehen und für mich beten.

 

Und ich erkenne, dass sich die Versprechen bewahrheitet haben, die ich in der Bibel lese. Das Versprechen von Trost, Versorgung, Liebe und dass ich nie allein bin.

 

Der Verlust meiner Mutter in meinen jungen Jahren, war ein schwerer Zerbruch. Es ist eine tiefe Narbe entstanden, die ich nicht verstecken kann, aber auch nicht muss. Ich muss diese wundervolle Frau, die ich Mama nennen durfte, nicht ersetzen. Denn Jahre später träume ich oft noch von vielen Momenten, die ich gerne mit Ihr teilen würde. Ich würde mich immer noch gerne auf ein Kaffeedate mit ihr treffen und in das besagte Café gehen. 

 

Aber ich darf mich an den Erinnerungen und an den Dingen freuen, die sie mir mitgegeben hat. Sie sind wie Goldstaub auf der Narbe.

 

Und ich weite meinen Blick. 

 

Mit meinem Mann teile ich die Leidenschaft für Kaffeezeiten. 

Mit meiner Tochter kann ich die schönsten Cafés besuchen, über alles reden, gemeinsam lachen und weinen, Ideen entwickeln und umsetzen. 

Ich habe drei Söhne, mit denen ich ausgiebig Kaffee trinke, die mir so viel Freude, Ermutigung und Wertschätzung entgegenbringen, mit denen ich träume und visioniere.

Meine Söhne haben wundervolle Schwiegertöchter mit in die Familie gebracht, die mein Leben so bereichern. 

 

Bald ist wieder Muttertag.

Mein Mann und ich sitzen am Tisch mit unseren mittlerweile erwachsenen Kindern, am Ende des Tisches steht schon ein kleiner Kinderstuhl bereit. Wir dürfen uns auf ein weiteres kleines Leben und auf eine neue Aufgabe als Oma und Opa freuen. 

 

Ein unglaubliches Gefühl von Dankbarkeit überflutet mein Herz, während ich diese Zeilen schreibe.

Ich bin selbst Mama, Schwiegermama und auch bald Oma. 

Und ich darf Ersatzmama in meinem Umfeld sein. Ich kann hinschauen, hinhören, wertschätzen, helfen, trösten und ermutigen.

Ich glaube das sind Eigenschaften, die unabhängig von Alter und Lebenssituation weitergegeben werden können. Und die sich jeder für sein Leben wünscht. 

 

Ich wünsche dir einen wundervollen Tag, ein offenes Herz und einen leckeren Kaffee. 

 

Sei gesegnet, 

Maria 

04.05.25