Kunstwerk
Vorsichtig, liebevoll, mit einem Lächeln auf dem Gesicht, im Verborgenen formt der Künstler sein Kunstwerk.
So viele Gedanken macht er sich über das wertvolle Kunstwerk - tausende Gedanken, wie Sand am Meer.
Ein Gefäß, in dem er seine Herrlichkeit repräsentieren möchte, in dem sein Ebenbild widergespiegelt wird.
Er betrachtet es von allen Seiten, drückt den Stempel „exzellent“ drauf.
Legt ein paar besondere Merkmale hinein, Leidenschaften, Begabungen, Kreativität, Humor... und andere wundervolle Dinge, klebt auf die Verpackung noch den Hinweis „Vorsicht zerbrechlich“ drauf, bevor er es in diese Welt sendet.
So, oder so ähnlich, stelle ich es mir vor, wenn Gott ein kleines, neues Leben kunstvoll im Verborgenen, im Leib seiner Mutter, gestaltet.
Der Schöpfer persönlich haucht das Leben hinein und freut sich mit über den ersten, kräftigen Schrei.
„Sei willkommen du kleines großes Wunder!“
Wie schön, wenn es hier erwartet und liebevoll empfangen wird.
Ein himmlischer Moment.
Doch leider ist es auch oft nicht der Fall, nicht immer ist der Empfang liebevoll, warm und kuschelig. Der Hinweis „Vorsicht zerbrechlich“ wird übersehen. Schon bald sind kleine Kratzer, Verschmutzungen, Absplitterung und ähnliche Dinge an dem wertvollen Gefäß sichtbar.
Und auch eine scheinbar perfekte Welt, ist nicht immer eine heile.
Schon bald muss jeder Mensch lernen, mit Herausforderungen umzugehen. Unerfüllte Wünsche, Ungerechtigkeit, Verletzungen, Krankheit und Verlust...
Oft werden die guten Dinge, die der Schöpfer in das Gefäß hinein gelegt hat mit Unschönem bedeckt, wie Zweifel, Sorgen, Schmerz, Minderwert oder Angst, falsche Wertvorstellungen oder auch Erwartungen, die nicht erfüllt werden können.
Ja, Menschen verletzen und werden verletzt.
All diese Dinge können dem Gefäß den Glanz nehmen und die Bestimmung absprechen. Kleine und große Risse entstehen, und bringen es zum Zerspringen.
„Mein Leben ist ein einziger Scherbenhaufen“, heißt es dann, und so fühlt es sich auch an. Der Stempel „exzellent“ verschwindet. Stattdessen wird „unbrauchbar“ aufgedrückt.
Und der Künstler? Ist ihm egal, was mit seinem wertvollen Kunstwerk geschieht?
„Der Herr ist denen nahe, die verzweifelt sind, und rettet diejenigen, die alle Hoffnung verloren haben. Zwar bleiben auch dem, der sich zu Gott hält, Schmerz und Leid nicht erspart, doch aus allem befreit ihn der Herr.“ (aus der Bibel, Psalm 34,19)
„Er heilt die Menschen, die innerlich zerbrochen sind und verbindet Ihre Wunden.“ (aus der Bibel, Psalm 147,3)
Auch ich kenne Zerbruch, schmerzhafte Wunden.
Aber ich kenne auch Heilung. Ich habe erlebt, dass der Künstler nicht wegschaut, wenn sein Kunstwerk Schaden erleidet.
In der japanischen Kunst Kintsugi, was übersetzt „Goldverbindung“ heißt, geht es darum, zerbrochene Vasen, Tassen oder andere Gefäße wieder zusammen zu setzen und miteinander zu verbinden.
Das Ziel ist es nicht, die Narben zu vertuschen, sondern im Gegenteil hervorzuheben und mit Goldstaub zu veredeln.
Diese wundervolle Technik hat mich fasziniert. Ich wollt diese Technik gerne ausprobieren und bestellte Schmuckschalen. Auf dem Paket stand „Vorsicht zerbrechlich“ - natürlich! :)
Doch um die Kintsugi-Technik anzuwenden, musste ich diese neuen, makellosen Schälchen zerbrechen.
Ich hielt den kleinen Hammer in der Hand und klopfte vorsichtig drauf.
Es klirrte, die Schale zerbrach, vorsichtig hob ich die Scherben auf und setzte sie wieder zusammen.
Und plötzlich liefen mir die Tränen über die Wangen. Ich stellte mir vor, wie der Künstler die Scherben meines Lebens in die Hand nimmt und sie wieder zusammensetzt. Und wie seine Tränen auf die Scherben tropfen, denn er selbst hat Schmerz und Zerbruch erlitten.
Ich bin berührt und ergriffen. Kintsugi braucht Zeit, die Suche nach dem richtigen Kleber, das richtige Zusammensetzen der einzelnen Stücke und das Festhalten und Abwarten, bis der Kleber ausgehärtet ist.
Es gibt Zeiten des Zerbruchs, aber auch Zeiten der Heilung.
Es gibt Narben, die bleiben, aber mit „Goldstaub“ veredelt sind.
Unschöne Dinge, die passieren, muss ich nicht schön reden. Sie dürfen beim Namen genannt werden. Ich darf sie dem Künstler hinhalten, sie werden gesehen, in die Hand genommen, dann liebevoll zusammengefügt und mit Gold veredelt.
Ich wünsche mir, dass dieses Bild dich ermutigt.
Keine Scherbe, kein Zerbruch ist zu klein oder zu groß für den Künstler, der sein Kunstwerk am besten kennt.
Sei gesegnet.
Maria
Zu diesem Thema hat Katja Zimmermann einen wundervollen Song geschrieben, hör gern mal rein:
https://youtu.be/lG70eliRtQI?si=w7RqBsYFFlibbbQR
03.11.24