Beflügelt
09.05.2022
Beflügelt - Was für ein schönes Wort.
Laut Duden bedeutet beflügelt auch „anregen, beleben, anspornen, einer Sache Antrieb geben“[1]. Das ist auch mein Wunsch für dich, dass du nach dieser Geschichte beflügelt bist. Dass du dich belebt fühlst, angespornt bist, und wieder neuen Antrieb oder Mut bekommst.
Ich möchte dir gerne Einblick in eine Phase meines Lebens geben, die alles andere als beflügelt war.
Es war Februar 2012. Der Wecker klingelte und holte mich nach schlaflosen Stunden aus sorgenvollen Träumen. Wie die letzten Nächte hatte ich nicht gut geschlafen. Mein Körper war erschöpft und Fragen über Fragen tummelten sich in meinen Gedanken.
Wie wird es weitergehen?
Wie wird meine Tochter die nächste Chemotherapie verkraften?
Wird sie es überhaupt schaffen?
Und wie wird sie es psychisch verarbeiten?
Warum musste es grade uns passieren?
Wie soll ich damit zurechtkommen?
Was wird es mit mir, mit meiner Ehe, meinen Söhnen machen?
Dann die Arbeit, der Dienst in der Gemeinde...
Wie soll ich all meinen Verpflichtungen und Aufgaben gerecht werden?
Ich fühlte mich kraftlos und unendlich traurig.
An diesem Morgen musste ich einen unserer drei Söhne zur Schule fahren.
Ich trat vor die Haustür und atmete tief durch.
Mein Blick richtete sich zum Himmel. Er hatte an diesem Morgen eine besonders schöne Farbe. Was für ein schöner Anblick nach so einer dunklen Nacht.
Unterwegs bewunderte ich immer wieder den wunderschönen Himmel. Ein warmes Gefühl breitete sich in mir aus. Ich hatte in den letzten Wochen so viel gezweifelt, rebelliert, vergeblich nach Antworten gesucht. Ich wollte diese Diagnose, diesen Weg, diese Situation einfach nicht wahrhaben. Ich wollte und konnte nicht akzeptieren, dass unsere 14-jährige Tochter Krebs hat.
Vor knapp zwei Monaten bekam unsere Tochter eine niederschmetternde Diagnose: Lymphknotenkrebs.
Es hatte sie – uns – mitten im Leben getroffen. Völlig unvorbereitet. Es schien uns den Boden unter den Füßen wegzuziehen.
Wir hatten doch grade wunderschöne Weihnachtstage erlebt, mit der Familie, mit Freunden und Verwandten, wir haben uns gefreut und die Zeit genossen.
Gedanklich hatten wir uns schon mit dem neuen Jahr befasst, hatten Pläne geschmiedet und waren gespannt auf die Zukunft.
Doch dann, zwei Tage bevor das neue Jahr begann, diese niederschmetternde Diagnose.
Und es folgte ein Kampf um Leben und Tod.
Die FrageWarum stand immer und immer wieder riesengroß vor mir. Ich versuchte es ehrlich aus Gottes Hand anzunehmen. Wirklich. Ich versuchte es.
Aber die Zweifel und die Angst überrollten mich. Immer und immer wieder. Ich fühlte mich zum Teil wie gelähmt.
Ich gab mir alle Mühe, stark zu sein. Stark für mich, für meine Tochter, für meinen Mann, für unsere Jungs.
Und ich wusste, ich bin nicht allein. Ich habe einen starken Gott an meiner Seite.
Und Gott schenkte mir Lichtblicke, kleine Hoffnungsschimmer.
Unsere Gemeinde, die Familie und Freunde, Arbeitskollegen und Nachbarn, sie alle waren, so gut sie konnten, für uns da. Sie beteten für uns, ermutigten uns, kochten und backten für uns und vieles mehr. Sogar von vielen Menschen, die wir kannten und nicht kannten, bekamen wir Mut machende Post oder Päckchen, viele christliche Gemeinden schrieben uns, dass sie für uns beteten. Es war überwältigend, die Anteilnahme war wirklich groß. Wir hatten ein unglaubliches Ärzte- und Pflegeteam an unserer Seite, ein so geniales Gesundheitssystem, dass wir uns um große Geldsummen keine Gedanken machen mussten. In der so schwierigen Zeit wurden wir mit so viel Gutem beschenkt!
An dieser Stelle möchte ich noch einmal den größten Dank an alle aussprechen, die mit uns durch diese Zeit gegangen sind!
Diese vielen Menschen zeigten mir, wir sind nicht allein.
Und erinnerten mich daran, was ich eigentlich schon wusste. Ich bin nicht allein.
Nur mein Herz wollte und konnte die Situation nicht akzeptieren,
wollte es nicht begreifen, fühlte sich so überfordert an.
Doch an diesem Morgen durchzog mich ein innerer Friede, wie die Ruhe nach einem großen Sturm. Erneut sagte ich zu Gott: „Ich will dir vertrauen, dass du die Kontrolle hast und es am Ende gut machen wirst. Aber ich schaffe das nicht, ich brauche deine Hilfe.“
Wie oft hatte ich das schon gebetet? Unzählige Male! Aber diesmal hatte ich das Gefühl, dass mein Entschluss aus meinem Kopf auch tiefer in mein Herz rutschte.
Zuhause angekommen schlief meine Tochter noch. Heute stand keine Behandlung an. Ich öffnete die Rollläden im Wohnzimmer, das Licht strömte herein. Und dann sah ich etwas Unglaubliches. In der Glasvase auf unserer Fensterbank saß ein wunderschöner Schmetterling mit weit ausgebreiteten Flügeln!
Wo kam dieser Schmetterling her?
Draußen war es richtig kalt, es lag noch Schnee, die Türen und Fenster waren verschlossen.
Wie konnte dieser Schmetterling hier in dieser Vase landen – im Winter ?
Ich weinte. Überwältigt vor Freude!
Schmetterlinge waren seit dem Beginn der Erkrankung unsere Begleiter.
Eine Freundin sagte zu mir: „Weißt du Maria, ich habe neulich nochmal über die Entstehung eines Schmetterlings gelesen. Dabei ist mir erneut bewusstgeworden, wie unglaublich dieser Prozess ist. Die Entstehung eines Schmetterlings. Die Schmetterlinge sind für uns so selbstverständlich in unserer Natur, wir freuen uns über sie, aber manchmal nehmen wir sie auch gar nicht wahr. Und ganz selten denken wir an den Prozess der Entstehung.
Für uns klingt es so einfach und so selbstverständlich, dass aus der Raupe ein Schmetterling wird. Aber für den Schmetterling ist das bestimmt ein ganz harter und vermutlich auch schmerzhafter Prozess, bei dem viele Zellen kaputtgehen müssen, damit sich die wunderschönen Flügel entwickeln können. Ich musste dabei an deine Tochter denken.
Ich glaube, Gott möchte sie zu einem besonderen Schmetterling verwandeln,
mit Eigenschaften, die in harten Prozessen entstehen. Gott möchte ihr wunderschöne Flügel schenken. Versuche daran festzuhalten.“
Ein Schmetterling ist ein Zeichen der Hoffnung, der Freude, der Leichtigkeit, der Auferstehung. Dieser Gedanke hatte uns motiviert. Wir begannen aus bunten Perlen wunderschöne Schmetterlinge zu basteln und verschenkten sie, um anderen Hoffnung zu machen.
Aber einen echten Schmetterling in einer Glasvase am frühen Morgen im Februar bei uns im Wohnzimmer – das war einfach unglaublich! Einfach nicht zu fassen!
Ich weckte meine Tochter. Und wir freuten uns beide so über dieses einzigartige Geschenk von Gott. Für Gott ist nichts unmöglich.
Mein Mann und unsere Jungs staunten ebenfalls und rätselten, woher er wohl gekommen war. Vielleicht war er mit dem Holz für den Kamin reingekommen. Vielleicht war das die Erklärung.
Vielleicht.
Ich weiß es nicht. Tatsache ist, dass er da war.
Und ich weiß, dass er an diesem Morgen für mich in der Vase saß. Ich glaube, dass Gott mir an diesem Morgen ein besonderes Geschenk machen wollte, um mir eine Bestätigung seiner Zusagen zu geben: Mir ist nichts unmöglich. Vertrau mir.
Es war danach nicht alles super. Der Himmel verändert sich im Laufe des Tages und nahm eine graue Farbe an. Es gab noch viele schlaflose Nächte, Sorgen, Ängste und Zweifel.
Aber der Besuch des Schmetterlings war ein greifbares Erlebnis. Es zeigte mir, dass Gott sich um mich, um meine Familie und all meine offenen Fragen kümmerte.
Dieses Erlebnis hatte mit buchstäblich beflügelt.
Ich habe immer wieder die Möglichkeit, mich zu entscheiden.
Ich kann mich auf Gottes Zusagen berufen, und meinen Blick immer wieder auf die „Schmetterlinge“ in meinem Alltag richten.
Unsere Tochter ist nun schon 10 Jahre von Krebs geheilt! Danke, Gott! Sie ist ein „wunderschöner Schmetterling“, der viel Freude verbreitet. Sie liebt das Leben, das Singen, das Lachen. Sie tanzt gefühlt von einer Blüte zur nächsten.
Sie ist unglaublich mutig, kreativ und begabt und probiert sich immer wieder in neuen Dingen aus. Sie kann sich sehr schnell in den anderen und seine Situation hineinversetzen und hat immer einen Blick für den Schwächeren. Sie freut sich am Leben, das Gott ihr neu geschenkt hat. Ja, Gott hat sie beflügelt.
Bei diesem einen besonderen Besuch blieb es nicht. Diese Geschichte ereignete sich in ähnlicher Weise im letzten Jahr wieder.
Winter 2021 – Coronazeit. Eine Zeit geprägt von Unsicherheit, Angst, Sorgen und Zweifel.
Die gleiche Jahreszeit, draußen lag wieder Schnee.
Und in der Glasvase auf unserer Fensterbank saß wieder ein wunderschöner Schmetterling – mit weit ausgebreiteten Flügeln! Unglaublich!
Wieder war es der Schmetterling, der so viel in mir auslöste. Aber ich fühlte, diesmal ging es hier nicht nur um mich. Ich teilte diesen besonderen Besuch mit meinem Umfeld. Meiner Meinung nach ein Hoffnungsbeweis, dass Gott alles unter Kontrolle hat.
Ich bekam den Herzenswunsch, diese Erlebnisse und meine Gedanken dazu aus Dankbarkeit zu einem Projekt zu bündeln. Gemeinsam mit meiner Tochter entstand – nach vielen Überlegungen und Gebeten – das Projekt beflügelt.
Und es könnte keinen passenderen Zeitpunkt geben, denn in diesem Jahr gilt meine Tochter seit 10 Jahre als geheilt.
Die Beflügelt-Box enthält einen einzigartigen, handgemachten Schmetterling. Dieser soll dich daran erinnern, dass auch du einzigartig bist.
Ich weiß nicht, wie es dir geht. Ob du grade fröhlich bist und keine Probleme hast, dann freue ich mich von Herzen für dich. Oder bist du vielleicht gerade mutlos, kraftlos, ängstlich oder krank? Ich weiß nicht, ob dein Alltag eintönig und grau ist, oder du vor Herausforderungen stehst.
Ich wünsche dir Mut. Den Mut, die „Schmetterlinge“ in deinem Leben, in deinem Alltag, zu entdecken. Den Mut, dich aus dem „Kokon“ der Angst, der Traurigkeit oder Einsamkeit befreien zu lassen.
Ich wünsche dir „Flügel“ des Glaubens, des Vertrauens, der Freude, der Zuversicht und der Hoffnung. Ich wünsche dir den Mut, die Flügel deiner Seele auszubreiten und zu fliegen.
Auch wenn sich deine Situation nicht gleich, oder vielleicht auch gar nicht ändert. Du bist zur Freude, zur Hoffnung und zur Freiheit berufen.
Ich wünsche dir, dass du Leichtigkeit erlebst, weil es einen Gott gibt, der die Kontrolle behält!
Und der sich nicht zu schade ist, dir auch im Kleinen zu begegnen.
PS: Die Vase räume ich nicht mehr von meiner Fensterbank, damit darin jederzeit ein Schmetterling landen kann! :)
Maria
[1] www.duden.de/node/269797/revision/672462